RATHENOW, Lutz



Zwei Dinge


Zwei Dinge verachtete ich am bundesdeutschen

Westen, während ich (z.B.) Schokolade und das

Buch „Früher begann der Tag mit einer

Schußwunde“ liebte. Eigentlich mochte ich vieles

an dem in Paketen verschickten, aus dem

Rundfunk tönenden, eingeschmuggelten, dem

BEATCLUB-Westen, fast alles. Vor allem seine

Möglichkeiten des Ungehorsams, Kostüme der

Frechheit. Zwei Dinge waren mir als Kind

gleichgültig, bevor ich einen Ekel entwickelte, der

seine Wirkung verlor und wieder Gleichgültigkeit

wurde. Nur zwei: die deutschen Schlager (es gab

eine Zeit, da war alles, was fernsehdeutsch sang,

Schlager), die westdeutschen Autos (und ihre

Parodien in der DDR). Natürlich spielte ich als

kleines Kind mit Feuerwehrautos, anderen Wagen,

auch aus dem Westen. Ich lenkte diese durch ein

Loch im Autodach – ein Gummischlauch führte zu

einer Gelenkverbindung. Es war schön, zwei oder

drei Autoleins zusammenstoßen zu lassen.

Bei Aufprall sprang ein Teil ab, das ich wieder

aufsetzen konnte. Ich erinnere die Freude am

Unfall. Die bekannten West-Automarken

interessierten eher nicht, ich stieg aus Gesprächen

bei dem Thema aus, verwechsle die Marken bis

heute. Eine Fahrt in ihnen kann angenehm sein, ich

habe keine: Fahrerlaubnis. Ich verspottete früh mit

dem Text „trabantglücklich“ meinen Vater, es war

bis auf den Titel ein schlechtes Gedicht. Es wurde

oft nachgedruckt – wie kein anderes von mir

(in der DDR). Er schien darüber stolz zu sein und

kutschierte später andere Autos. Größere.

Ich stieg ein und merkte, wie wichtig ihm das

Fahren war. Es verlängerte sein Leben und

gefährdete es. Werde ich auf die ausbleibende

Wirkung von Lyrik angesprochen, bin ich sehr

rasch bei einem Gegenbeispiel: meinem

„trabantglücklich“, dem Placebogedicht.


Zwischenbilanz

oder Gesamtausgabe Minimalvariante

dem hastigen Leser gewidmet


Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet.

Zangengeburt. Boden 411. Der Wolf und die

widerspenstigen Geißlein. Ein seltsamer Zoo.

Tiger im Hochhaus. Floh Dickbauch.

Eine Ameise spazierte. Ostberlin –

die andere Seite einer Stadt. Tag der Wunder.

Jeder verschwindet so gut er kann. Sterne

jonglieren. Im Lande des Kohls. Zärtlich

kreist die Faust. Und sie liebten sich

heftiger den je. Oder was schwimmt da

im Auge. Die lautere Bosheit. Alles Theater.

Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet.


Winterspiel


Schneemänner rasen

nachts in den Straßen.

Schneller als Wind

sieht sie kein Kind.

Mit Bonbonstücken,

Salzstangenkrücken,

schlagen sie Scheiben ein,

setzen sie wieder ein.

In den Geschäften

mit allen Kräften

schmelzen sie weg.

Nasser Fleck.

Es wundern die Leute

sich gestern und heute.



Warum wird ein Mann ein Weihnachtsmann


Wegen dem Bart? Dem Mantel? Der Mütze? Den Stiefeln?

Weil er Treppen steigt und Säcke schleppt?

(Jeder Schritt hält weihnachtsfit …)

Nein, er will Weihnachtsmann sein, weil er dann

alle Bücher zum Verschenken vorher noch lesen kann.



2084


Wälder betrachten

in dreidimensional gestalteten Büchern

Nachts der Traum von Bäumen

am Rande der täglich befahrenen Straße

zwischen drei vier Städten

die keiner mehr trennen kann

Was Vögel sind fragen Kinder

Die Eltern zeigen einen Film

der Reihe „Ausgestorbene Lebewesen“


Und einmal pro Woche

ziehen die Familien aus

zur Erholung ins Naturmuseum:

bestaunen Gräser Fische Pflanzen

und wundern sich

wie früher es Menschen aushalten konnten

inmitten des Gestanks

nicht künstlich gezüchteter Blumen



Ich freue mich


Ich freue mich, daß ich Augen hab,

die alles ringsum sehn.

Freue mich, daß ich Füße hab,

wohin ich will zu gehen.

Freue mich über meine Ohren,

daß ich die Vögel hören kann -

und zieht der Kuchenduft ins Zimmer,

wie freut mich eine Nase dann.


Die Hände greifen, was ich will,

die Finger halten selten still -

und meine Haare kitzeln mich,

und was der Kopf denkt, spreche ich.



Deutschland


Grüß Heil! Sieg Front! Rot Gott!

Ich liebe Herren, die Hunde beißen.

Hammer zerschlug Sichel. Ährenkranz,

Totentanz. Und nun das D-Mark-Leben.

Zu spät, zu früh, oh Jammerlust –

Neuer Staat, neues Gedicht. Spiele,

ich spiele gern: Zu-Zu-Zuversicht



Dezember 89


Der Schnee von gestern,

Straßenschleim.

Hokuspokus ohne Hexerei.

Am Himmel sonnt sich eine Sonne -

als wäre es Sommer und heiß.

Fetzenweise löste sich dann

die Haut von uns. Und jetzt?

Die Partei, eine Zwiebel, übt sich

im Enthüllen. Welche Schale färbt sich

schneller puterrot? Abfall, Tränen,

und kein Kern in Sicht...



Früher ist Morgen und Heute scheint weg


Ich kann mit der Stille einer Wohnung spielen,

sortiere die Geheimnisse der Blätterstapel neu.


Ich kann mit meinem Rücken knacken, er verrät

Botschaften über den Zustand der Wirbelsäule.


Jenseits des Fensters ein Stummfilm, das Summen

einer Welt, die ihre Laute nicht verschleudert.


Ich kann was ich kann: ein Geheimnis behalten,

für mich. Bis es allmählich der Körper vergisst.