SACHS, Hans
Der kranke Esel
Ein Esel lag darnieder
In einem Wald sehr krank.
Ein Wolf der stellt sich bieder,
Nahm für ihn seinen Gang,
Tät ihm schmeichelnd zusprechen:
"Leid ist mir dein Unfall.
Sag, wo ist dein Gebrechen?"
Begriff ihn überall.
Der Esel lag in Sorgen,
Forcht des Wolfes Hinterlist,
Sprach zum Wolf unverborgen:
"Wo du mich greifen bist,
Ist am größten mein Schmerzen.
Ich bitt dich, geh von mir,
So wird Ruh meinem Herzen;
Das fürchtet sich vor dir."
Also wo los Gesellen
Voll allerlei Bosheit
Sich freundlich gen eim stellen,
Der vertrau nit zu weit!
Sorgfältig sei einzogen,
Fürcht seine böse Tück.
Kummt er ab unbetrogen,
So sag er von Glück.
Der fahrende Schüler in Paradies
…..
Der grösste Narr ich auf Erden bin,
Das ich traute diesem Schalk vertrogen.
Schau, dort kommt auch mein Weib hergezogen,
Ich darf ihr wohl vom Roß nichts sagen,
Ich drohte ihr vor hart zu schlagen,
Das sie so einfeltig hat eben
Dem Landstreicher das dinglich geben,
Und ich gab ihm doch selbst das Pferd,
Viel grösser Streich wäre ich wohl werd,
Weil ich mich klüger dünck von Sinnen.
…..
(Umsetzung Z. DE MEESTER)
Die Wittenbergische Nachtigall
Wacht auf, es nahet gen den Tag;
ich hör singen im grünen Hag
ein wonnigliche Nachtigall,
ihr Stimm' durchdringet Berg und Tal;
die Nacht neigt sich zum Okzident,
der Tag geht auf von Orient,
die rotbrünstige Morgenröt
her durch die trüben Wolken geht.-
…..
Das bittersüße ehlich Leben
Gott sei gelobet und geehrt
Der mir ein frumb Weib hat beschert
Mir der ich zwei und zweinzig Jahr
Gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehlig Leben
Had Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid
Sie hat mir nit stets kochet Feigen
Will schwankweis Dir ein Teil anzeigen
Sie ist ein Himmel meiner Seel
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren,
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen
Ist oft mein Schauer und Platzregen
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,
Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wonn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,
Sie ist meine Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost.
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Saal,
Doch auch mein Krankheit und Spital.
Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
Thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
Ist oft mein Frevel, Stolz und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit,
Und oft mein täglich Hebensstreit
Sie ist mein Fürsprech und Erlediger,
Ist oft mein Ankläger und Prediger.
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau ist mietsam oft und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig.
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.
Ein bul scheidlied
In dem hofton Brennbergers.
Ein bul scheidlied
Ach ungelück,
wie hastu mich so hart verwunt!
des für ich iez ein schwere klag
den abent und den morgen.
Das macht dein tück.
wan ich denk der ellenden stunt,
auf ert mich niemant freuen mag.
mein leit trag ich verborgen,
Wan ich muß iez in das ellent;
das ist mir gar beschwerlich heut;
das laß dich, lieb, erbarmen.
der liebe lon ist traurig ent,
herzleit nachfolget großer freut:
also geschicht mir armen.
ich bin ellent; wie möcht ich nur ellender sein,
seit ich muß scheiden von der allerliebsten mein?
der ich mit ganzer treu so lang gedienet han,
der muß ich iez verwegen mich,
fürbas sie nicht mer schauen an.
Vor aller not
gesegn dich got tag, nacht und stunt!
gesegnet seint dein euglein klar
und auch dein kelen weiße!
Gesegn dir got
auch deinen rosenfarben munt
und auch dein gelb geflochten har,
dein brüstlein, ziert mit fleiße!
Gesegnet seint dein schneweiß hent!
gesegnet sei dein freuntlichs herz,
mut und darzu dein sinne!
ich scheid von dir in das ellent,
das bringet mir unseglich schmerz,
iedoch ich muß von hinne.
ich far dahin; mein herz das blicket wider um,
ob nicht seins herzenliebes liebe nachhin kum!
so ist es leider also ferr und weit von im,
das es sein nicht ersehen mag;
so schreit es mit kleglicher stim:
Ach herzigs herz,
wie bleibstu so weit hinter mir!
du meines herzen freut und wunt,
ich het dich auserkoren
In freut und scherz,
o, wie muß ich so balt von dir!
des traure ich von herzengrunt,
seit ich dich hab verloren.
Mit dem leib muß ich von dir hin,
mit wesen an ein ander ort;
das tut mich, schons lieb, krenken.
iedoch laß ich herz, mut und sin
bei dir, meins herzen hochster hort,
darbei tu mein gedenken.[4]
o we! o we! o herzenliebes lieb o we!
ich fürcht herzliebes lieb du sehest mich nit me.
in keiner not mein herz mir nie so traurig was.
gesegn dich got, mein herzen lieb!
ich far ins ellent hin mein stras.
Das Schlaraffenland
Ein Gegend heißt Schlaraffenland,
den faulen Leuten wohlbekannt.
Das liegt drei Meilen hinter Weihnachten.
Und welche darein will trachten,
der muss sich großer Ding vermessen
und durch ein Berg mit Hirsbrei essen,
der ist wohl dreier Meilen dick.
Alsdann ist er im Augenblick
in demselbigen Schlaraffenland,
da aller Reichtum ist bekannt.
Da sind die Häuser deckt mit Fladen,
Lebkuchen die Haustür und Laden,
von Speckkuchen Dielen und Wänd,
die Balken von Schweinebraten send.
Um jedes Haus so ist ein Zaun
geflochten von Bratwürsten braun.
Von Malvasier so sind die Brunnen,
kommen eim von selbst in Maul gerunnen.
Auf den Tannen wachsen Krapfen,
wie hier zu Land die Tannzapfen.
Auf Fichten wachsen gebackne Schnitten.
Eierplätz tut man von Birken schütten.
Wie Pfifferling wachsen die Hecken,
die Weintrauben in Dornhecken.
Auf Weidenkoppen Semmel sehn,
darunter Bäch mit Milch gehen;
die fallen dann in' Bach herab,
dass jedermann zu essen hab,
gesotten, gebraten, gesalzen und gebacken
und gehen bei dem Gestad gar nahen,
lassen sich mit Händen fahen.
Auch fliegen um (das mögt ihr glauben)
Gebrat'ne Hühner, Gäns und Tauben.
Wer sie nicht fängt und ist so faul,
dem fliegen sie von allein ins Maul.
Die Säu all Jahr gar wohl geraten,
laufen im Land um, sind gebraten.
Jede ein Messer hat im Rück',
damit ein jeder schneid' ein Stück
und steckt das Messer wieder drein.
Die Kreuzkäs wachsen wie die Stein.
So wachsen Bauern auf den Baumen,
gleich wie in unserm Land die Pflaumen.
Wenn's zeitig sind, da fallen sie ab,
jeder in ein paar Stiefel herab.
Wer Pferd hat, wird ein reicher Meier,
denn sie legen ganz Körb voll Eier.
So schüttet man aus den Eseln Feigen.
Nicht hoch braucht man nach den Kirschen steigen,
wie die Schwarzbeeren sie wachsen tun..
Auch ist in dem Land ein Jungbrunn,
darin verjüngen sich die Alten.
Viel Kurzweil wird im Land gehalten.
So nach dem Ziel schießen die Gäst',
wer am weitesten daneben gewinnt das Best.
Beim Laufen gewinnt der Letzte allein.
Das Polsterschlafen ist allgemein.
Ihr Weidwerk ist mit Flöh und Läusen,
mit Wanzen, Ratten und Mäusen.
Auch ist im Land gut Geld zu gewinnen.
Wer sehr faul ist und schläft darinnen,
dem gibt man für die Stund zwei Pfennig,
er schlaf ihr gleich viel oder wenig.
Ein Furz gilt einen Binger Haller,
drei Rülpser einen Jochimstaler.
Und welcher da sein Geld verspielt,
zwiefach man ihm das wiedergilt.
Und welcher auch nicht gern bezahlt,
wenn die Schuld wird eins Jahres alt,
so muss ihm jener dazu geben.
Und welcher liebt ein gutes Leben,
dem gibt man für den Trunk einen Batzen.
Und welcher wohl die Leut kann fatzen,
dem gibt man drei Kreuzer zum Lohn.
Für eine große Lüg gibt’s ein Kron.
Die ameis und der grill
Durch Esopum ist uns beschriben,
wie ein ameis zu kalter winterzeit
ir koren trucknen welt am luft
und set es ausgebreit. [95]
Ein grill durch hunger wurt getriben,
bat die ameis, zu teilen mit sein speis,
das er im winter nit verdürb.
do sprach die ameis weis:
»Was hast tan in den sumerlichen tagen,
das du dir nicht hast koren eingetragen?«
der grill wart wider sagen:
»den sumer lang ich frolich war und sung,
und durch die zeun und grünen büsch
ich hin und wider sprung.«
»Hast im sumer gsungen und gsprungen«,
sprach die ameis, »so sing im winter auch;
die speis hab ich getragen ein
für mich, das ist mein brauch.«
Bei der ameis verstet ein jungen
man, arbeitsam, emsig mit hohem fleiß,
der sein narung zusamen helt
und spart zimlicher weis,
Auf das, wan in das alter nun begreife,
das in sein har felt der kalt winterreife
und im sein kraft entichleife
und im get an seinem gewinnet ab,
das er an vor erspartem gut
ein winterzerung hab.
Zum andren verstet bei dem grillen
ein jungen man, nachleßig, trag und faul;
was im gewinnen beide hent,
vernascht das einig maul.
Verzert sein jung tag in mutwillen,
in müßiggang, spil und bulerei arg;
wer nicht wie er sein gut verpraßt,
heißt er filzig und karg.
Tut er in jugent also jubilieren,
im alter tut in nach der sunnen frieren,
so tut in erst vexieren [96]
die streng armut mit mangel und gebruch,
so er muß in dem alter erst
meen am hungertuch.