KLEIST, Heinrich von



Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!

Du strahlst mir durch die Binde meiner Augen

mit Glanz der tausendfachen Sonne zu!

Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern,

durch stille Aetherräume schwingt mein Geist;

und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt,

die muntre Hafenstadt versinken sieht,

so geht mir dämmernd alles Leben unter:

Jetzt unterscheid' ich Farben noch und Formen,

und jetzt liegt Nebel alles unter mir.

Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet!



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Der höhere Friede


Wenn sich auf des Krieges Donnerwagen

Menschen waffnen, auf der Zwietracht Ruf,

Menschen, die im Busen Herzen tragen,

Herzen, die der Gott der Liebe schuf:


Denk' ich, können sie doch mir nichts rauben,

Nicht den Frieden, der sich selbst bewährt,

Nicht die Unschuld, nicht an Gott den Glauben,

Der dem Hasse wie dem Schrecken wehrt;


Nicht des Ahorns dunkelm Schatten wehren,

Daß er mich im Weizenfeld erquickt,

Und das Lied der Nachtigall nicht stören,

Die den stillen Busen mir entzückt.



An die Freundin


Wenn aus dem Strom der Zeit ich weiche,

In das Reich der Schatten gehe,

Und meine Seele, die bleiche,

Vor dem Richterstuhle stehe:

Dann wird sie nicht nach Schätzen fragen,

Die sie im Leben hier besessen;

Sie wird nur deinen Namen sagen,

Und alles Übrige vergessen.