HALLER, Albrecht von



Die Alpen


Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser, 1

Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;

Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,

Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;

Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten,

Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd, 2 [20]

Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,

Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd; 3

Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,

Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!


Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,

Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.

Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;

Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.

Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?

Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.

Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,

Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruß nicht ab.

Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,

Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget?


Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte,

O, daß der Himmel dich so zeitig weggerückt!

Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte

Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt;

Nicht, weil freiwillig Korn die falben Felder deckte

Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief;

Nicht, weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte

Und ein verirrtes Lamm bei Wölfen sicher schlief;

Nein, weil der Mensch zum Glück den Ueberfluß nicht zählte,

Ihm Nothdurft Reichthum war und Gold zum sorgen fehlte!


…..


Morgen-Gedanke


Der Mond verbirget sich, der Nebel grauer Schleier

Deckt Luft und Erde nicht mehr zu;

Der Sterne Glanz erblasst, der Sonne reges Feuer

Stört alle Wesen aus der Ruh.


Der Himmel färbet sich mit Purpur und Saphiren,

Die frühe Morgen-Röthe lacht; 1

Und vor der Rosen Glanz, die ihre Stirne zieren,

Entflieht das bleiche Heer der Nacht.


Durchs rothe Morgen-Thor der heitern Sternen-Bühne

Naht das verklärte Licht der Welt;

Die falben Wolken glühn von blitzendem Rubine,

Und brennend Gold bedeckt das Feld.


Die Rosen öffnen sich und spiegeln an der Sonne

Des kühlen Morgens Perlen-Thau;

Der Lilgen Ambra-Dampf belebt zu unsrer Wonne

Der zarten Blätter Atlas-grau.


Der wache Feld-Mann eilt mit singen in die Felder

Und treibt vergnügt den schweren Pflug;

Der Vögel rege Schaar erfüllet Luft und Wälder

Mit ihrer Stimm und frühem Flug.


O Schöpfer! was ich seh, sind deiner Allmacht Werke!

Du bist die Seele der Natur;

Der Sterne Lauf und Licht, der Sonne Glanz und Stärke

Sind deiner Hand Geschöpf und Spur.


Du steckst die Fackel an, die in dem Mond uns leuchtet,

Du giebst den Winden Flügel zu;

Du leihst der Nacht den Thau, womit sie uns befeuchtet,

Du theilst der Sterne Lauf und Ruh.


Du hast der Berge Stoff aus Thon und Staub gedrehet,

Der Schachten Erzt aus Sand geschmelzt;

Du hast das Firmament an seinen Ort erhöhet,

Der Wolken Kleid darum gewelzt.


Den Fisch, der Ströme bläst und mit dem Schwanze stürmet,

Hast du mit Adern ausgehölt; [4]

Du hast den Elephant aus Erden aufgethürmet

Und seinen Knochen-Berg beseelt.


Des weiten Himmel-Raums saphirene Gewölber,

Gegründet auf den leeren Ort,

Der Gottheit große Stadt, begränzt nur durch sich selber,

Hob aus dem nichts dein einzig Wort.


Doch, dreimal großer Gott! es sind erschaffne Seelen

Für deine Thaten viel zu klein;

Sie sind unendlich groß, und wer sie will erzählen,

Muß, gleich wie du, ohn Ende sein!


O Unbegreiflicher! ich bleib in meinen Schranken,

Du, Sonne, blendst mein schwaches Licht;

Und wem der Himmel selbst sein Wesen hat zu danken,

Braucht eines Wurmes Lobspruch nicht.



An Doris


Des Tages Licht hat sich verdunkelt,

der Purpur, der im Westen funkelt,

erblasset in ein falbes Grau.

Der Mond zeigt seine Silberhörner,

die kühle Nacht streut Schlummerkörner

und tränkt die trockne Welt mit Tau.


Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,

lass uns den stillen Grund besuchen,

wo nichts sich regt als ich und du.

Nur noch der Hauch verliebter Weste

belebt das schwanke Laub der Äste

und winket dir liebkosend zu.


Die grüne Nacht belaubter Bäume

führt uns in anmutsvolle Träume,

worin der Geist sich selber wiegt.

Er zieht die schweifenden Gedanken

in angenehm verengte Schranken

und lebt mit sich allein vergnügt.


Ach, Doris! Fühlst du nicht im Herzen

die zarte Regung sanfter Schmerzen,

die süßer sind als alle Lust?

Strahlt nicht dein holder Blick gelinder?

Rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder,

und schwellt die unschuldsvolle Brust?


Du staunst. Es regt sich deine Tugend,

die holde Farbe keuscher Jugend

deckt dein verschämtes Angesicht.

Dein Blut wallt von vermischtem Triebe,

der strenge Ruhm verwirft die Liebe,

allein dein Herz verwirft sie nicht.


Oh, könnte dich ein Schatten rühren

der Wollust, die zwei Herzen spüren,

die sich einander zugedacht!

Du fordertest von dem Geschicke

die langen Stunden selbst zurücke,

die dein Herz müßig zugebracht.


Mein Feuer brennt nicht nur auf Blättern,

ich suche nicht, dich zu vergöttern,

die Menschheit ziert dich allzu sehr.

Ein andrer kann gelehrter klagen,

mein Mund weiß weniger zu sagen,

allein mein Herz empfindet mehr.


Was siehst du furchtsam hin und wieder

und schlägst die holden Blicke nieder?

Es ist kein fremder Zeuge nah.

Mein Kind, kann ich dich nicht erweichen?

Doch ja, dein Mund gibt zwar kein Zeichen,

allein dein Seufzen sagt mir: Ja!