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BACHMANN, Ingeborg



Die gestundete Zeit


Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.

Bald musst du den Schuh schnüren

und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

die auf Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.


Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befiehlt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.


Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!


Es kommen härtere Tage.



Eine Art Verlust

Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.

Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett.

Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht, verwendet, verbraucht.

Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die Hand gereicht.


In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich mich verliebt.

In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein Bett.

Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt,

angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts,


( - der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz)

furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.


Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei.

Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn, zu grüßen.

Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äußerste Farbe.

Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.


Nicht dich habe ich verloren,

sondern die Welt.


Es ist Feuer unter der Erde

Es ist Feuer unter der Erde,

und das Feuer ist rein.


Es ist Feuer unter der Erde

und flüssiger Stein.


Es ist ein Strom unter der Erde,

der strömt in uns ein.


Es ist ein Strom unter der Erde,

der sengt das Gebein.


Es kommt ein großes Feuer,

es kommt ein Strom über die Erde.


Wir werden Zeugen sein.


Ich aber liege allein

Ich aber liege allein

im Eisverhau voller Wunden


Es hat mir der Schnee

noch nicht die Augen verbunden.


Die Toten, an mich gepresst,

schweigen in allen Zungen.


Niemand liebt mich und hat

für mich eine Lampe geschwungen


Mein Vogel


Was auch geschieht:

die verheerte Welt sinkt in die Dämmerung zurück,

einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,

und vom Turm, den der Wächter verliess,

blicken ruhig und steht die Augen der Eule herab.

Was auch geschieht: du weißt deine Zeit, mein Vogel,

nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.

Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.

Du folgst meinem Wink, stösst hinaus

und wirbelst Gefieder und Fell –

Mein eisgrauer Schultergenoss, meine Waffe,

mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!

Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.

Wenn auch im Nadeltanz unterm Bam die Haut mir brennt

und der hüfthohe Strauch mich mit würzigen Blättern versucht,

wenn meine Locke züngelt, sich wiegt und nach Feuchte verzehrt,

stürzt mir der Sterne Schutt doch genau auf das Haar,

mein Vogel, mein Beistand des Nachts,

wenn ich befeuert bin in der Nacht,

knistert’s im dunklen Bestand, und ich schlage den Funken aus mir.

Wenn ich befeuert bleib wie ich bin

und vom Feuer geliebt, bis das Herz aus den Stämmen tritt,

auf die Wunden träufelt und warm die Erde verspinnt,

(und wenn du mein Herz auch ausraubst des Nachts,

mein Vogel auf Glauben und mein Vogel auf Treu!)

rückt jene Warte ins Licht,

die du, besänftigt,

in herrlicher Ruhe erfliegst –

was auch geschieht.