BOSSONG, Nora



Überläufer


Mit Großvater gingen wir am Kanal,

vorbei an Dohlennestern, Tannenzapfen.

Schneemädchen nannte er mich, mit ihr

sprach er nicht. Seine Schritte schielten.

Sie sagte: Fallsucht. Sie sagte: Nicht mal

gehen kannst du mehr. Was bist du noch?

Er sah mich an, er fragte: Mädchen, frierst Du?

Sie rief: Schneemädchen, Schneemädchen,

du totes Kind! Wie gut, dass wir nicht mehr

zusammen sind! Sie rief es und lief

in den Forst, in den Frost. Ihr Lachen,

Herabstauben des Schnees von Nadelzweigen.



Leichtes Gefieder


Vielleicht zu spät, als eine Krähe

unseren Morgen kappt. Ein Schlag.

Und ob sie fällt und ob sie weiterfliegt –

Ich frag zu laut, ob du noch Kaffee magst.

Dein Blick ist schroff, wie aus dem Tag gebrochen.

Es riecht nach Sand. Du fragst mich, ob ich wisse,

dass Krähen einmal weiß gefiedert waren.

Ich lösch die Zigarette aus, ich wünsch mich

weg von hier, ich möchte niemanden,

ich möchte höchstens einen andern sehen.

Du nennst mich: Koronis. Ich zeig zum Fenster:

Sieh doch, die Aussicht hat sich nicht verändert!

Was gehen dich die Stunden an, die du nicht kennst?

Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben.

Dein Nagel scharrt noch in der Asche,

doch du bist still, als wärst du fort.

Ich bin zu leicht für deine Mythen.



Besuch


Die alte Frau sitzt tagelang am Fenster

und hält ein Taschentuch, zu träg,

hinaus in eine Welt zu winken,

die sie nicht mehr betritt. Das Draußen

ist ein Fernsehbild. Wie es mir glückt,

von dort ihr Zimmer zu betreten,

bleibt ihr ein Rätsel,

sie fragt mich nicht danach,

sagt nur: Es gibt so vieles,

das ich nicht versteh,

ach Mädchen, weißt,

die Klügste bin ich eben nicht.

Und hinter ihrem Schatten klafft

die Wohnung,

die zu große Schale einer Muschel, vergraben

in dem Zeitschlick, der nicht mehr zur Stadt gehört.

Es begann damit, dass sie verzwergte

Jahr um Jahr, nicht mehr zu finden

Ihr mondäner Gang, ihr Blinzeln,

als brenne ihr verrauchte Luft

eines Kasinos in den Augen.

Vielleicht, sagt sie und irgendwann

und will nicht weg von ihrem Fenster,

sie ist so dünn geworden,

dass sie keinen Tag mehr spürt.

Ach Mädchen, sagt sie,

weißt, wir ham ja Zeit.