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SCHULZE, Ernst



Die Rose


Und horch, er singt, wie leis' aus tiefen Keimen

In sichrer Nacht der Rose Kelch sich webt,

Und dicht umhegt von grünen Blättersäumen

Vom frischen Quell der künft'gen Düfte lebt,

Und wenn auch schon in ihren engen Räumen

Die reiche Form sich üppig drängt und hebt,

Doch still der Geist, von Lust und Leid geschieden,

Noch schlimmer ruht in unbewußtem Frieden.


Doch wenn der Lenz mit seinem Wehn und Wallen,

Mit seiner Lust durch Erd' und Himmel dringt,

Wenn weit umher das Lied der Nachtigallen,

Der Biene Flug, der Quelle Rieseln klingt,

Wenn Blüthen rings entkeimen, blühn und fallen,

Und jede Nacht den reichen Schmuck verjüngt,

Dann fühl auch sie in ihrer dichten Hülle

Der Hoffnung Lust, des Lebens sel'ge Fülle.


Und wenn gemach die Hüllen sich entfalten

Und sich mit Gold des Busens Tiefe füllt,

Blickt heller stets durch seines Kerkers Spalten

Mit frischer Lust das hold verschämte Bild,

Und freut sich still der wechselnden Gestalten,

Die bunt umher die neue Welt enthüllt.

Ihr frühster Duft, des Athems erstes Weben

Ist Liebe schon, und wähnt, er sei nur Leben.


Und freier jetzt vom hellen Licht umwaltet,

Und inniger durchströmt vom blauen Wehn,

Läßt reicher stets und üppiger entfaltet

Der volle Kelch die irren Tiefen sehn.

So scheint, weil stets ihr Glanz sich neu gestaltet,

Uns aus der Lieb' erst Liebe zu entstehn ;

Denn wandelbar mit ewig bunter Welle

Rinnt unversiegt des Lebens heil'ge Quelle.